Nachhilfe zur Finanzkrise

Weil die Schuldenkrise gerade wieder hochzukochen beginnt, sei im folgenden auf zwei Arbeiten verwiesen, die stark journalistisch geprägt sind und doch auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Sie sind bereits 2011 in Reaktion auf das Krisendebakel in einem forschungsaffinen Umfeld entstanden – und dürfen dennoch für sich in Anspruch nehmen, im Mai 2012 aktueller denn je zu sein.

Gabriele Reckinger und Volker Wolff, beide hochangesehene Wirtschaftsjournalisten und letzterer darüber hinaus Journalistik-Professor an der Universität Mainz, haben etwas zustande gebracht, was im Zeitalter von Wikipedia und Corporate Spin Doctoring altmodisch anmuten mag, aber notwendiger denn je sein dürfte. Sie haben ein Kompendium „Finanzjournalismus“ verfasst, das alles andere als ein klassisches Lehrbuch ist und doch als Ratgeber in jede Wirtschaftsredaktion gehört. Weil das eklatante Problem des Finanzjournalismus im Zeitalter ausgedünnter Redaktionen und florierender Gratisangebote vor allem  mangelnde Sachkenntnis der hochkomplexen Finanzwelt sein dürfte, haben sie 56 beschlagene Kolleginnen und Kollegen gebeten, ihr Fachwissen zu einzelnen Stichworten preiszugeben. Zum Rest des Beitrags »

Der Skandal ist allgegenwärtig

Wie Entlarvung und Enthüllung unter den modernen Kommunikationsbedingungen funktionieren, zeigen die Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und Hanne Detel in ihrem Buch „Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ am Beispiel von zahlreichen Fallgeschichten auf.

Kurz zusammengefasst: Im Zeitalter der digitalen Überall-Medien und der wechselseitigen Dauerbeobachtung ist der Skandal allgegenwärtig. Jeder kann ihn auslösen, jeden kann er treffen. Neun Thesen zur Zukunft der Enthüllung.

1. Heute kann jeder einen Skandal auslösen. Allzweckwaffen der Skandalisierung – Smartphones und immer kleiner und leistungsfähiger werdende Handys mit Kamera- und Videofunktion – tragen die meisten von uns am Körper. Netzwerk- und Multimedia-Plattformen wie Facebook, Twitter oder YouTube, Blogs, persönliche Websites und Wikis sind die neuartigen Instrumente der Enthüllung. Sie liegen in den Händen aller.

2. Heute kann jeder zum Opfer eines Skandals werden. „Gegen Ohnmächtige oder kleine Leute“, so einst der Publizist Johannes Gross, „bricht kein Skandal aus.“ Diese Diagnose stimmt nicht mehr. Man muss nicht prominent oder mächtig sein oder zur gesellschaftlichen Elite zählen. Zum Rest des Beitrags »

Zur Macht und Ohnmacht von Medienmogulen

Eine Untersuchung zu Rupert Murdochs News Corporation in Großbritannien und Australien

Könige, Kaiser, Präsidenten – viele auf den ersten Blick einleuchtende Akteure würden dazu taugen, den Einband einer theoretischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Machtkonzeptionen zu zieren. Nicht so im Falle der Veröffentlichung von Barry Hindess (1996). Von deren Umschlag prangt vielmehr ein Bild von Orson Welles alias Medienmogul William Randolph Hearst aus dem Film Citizen Kane.

Auf den weiteren über 180 Seiten folgt kein einziger Hinweis darauf, weshalb Medienmogulen im Allgemeinen oder Hearst im Besonderen tatsächlich das Attribut „machtvoll“ zugeschrieben werden könnte. Dies ist symptomatisch: Die Assoziierung von Medienmogulen mit Macht erfolgt häufig reflexhaft und wird als Selbstverständlichkeit präsentiert.

Obwohl erst nach Fertigstellung der Studie enthüllt, bestätigt auch der Umgang mit dem aktuellen Abhörskandal rund um die britischen Zeitungen von Rupert Murdochs News Corporation diese Ausgangsbeobachtung. Trotz zum Teil entwaffnender Befragungen und hohem öffentlichen Druck, der in der Schließung der News of the World gipfelte, strotzt die Berichterstattung nur so vor Formulierungen wie „heimlicher Herrscher Großbritanniens“. Wer doch über seinen „Machtverlust“ spekuliert, hegt zumindest keine Zweifel, dass Murdoch tatsächlich Macht zu verlieren hat. Als bedürfe es für diese Annahme keiner weiteren Erläuterungen. Zum Rest des Beitrags »

Erfolg ist, wenn man überlebt

Journalistische Online-Start-ups haben es in Europa alles andere als leicht: Das hat eine Studie des Reuters Institute for the Study of Journalism der Universität Oxford festgestellt.

Nicola Bruno und Rasmus Kleis Nielsen haben jeweils drei Neugründungen aus  Deutschland, Frankreich und Italien analysiert und festgestellt, dass nur zwei der neun untersuchten Websites Gewinne erzielen, und zwar das deutsche Kultur- und Literaturmagazin Perlentaucher und das französische Nachrichten-Angebot Mediapart. The European aus Deutschland, Agoravox und Rue89 sowie Il Post, Lettera43 und Linkiesta aus Italien kämpfen dagegen ums Überleben, die deutsche Netzeitung wurde sogar bereits wieder eingestellt.

Der Titel des Forschungsprojekts „Survival is Success“ verrät es: Journalistische Online-Start-ups können in Europa schon einen Erfolg verbuchen, indem sie überleben.  Das Forscherteam sieht vor allem zwei wesentliche Herausforderungen, denen sich die Existenzgründer stellen müssen:  Der Markt der Online-Nachrichten wird weiterhin von Online-Ablegern der alteingesessenen Medienunternehmen dominiert, die dank ihres bekannten Namens und schon vorhandenen Ressourcen wesentlich mehr Nutzer als Start-ups anlocken und zudem höhere Erlöse erzielen.  Zum Rest des Beitrags »

Anti-Terror-Gesetze schränken Pressefreiheit ein

Weil in der Türkei einige Anti-Terror-Gesetze falsch ausgelegt werden, werden immer mehr Journalisten inhaftiert.

Die Zahl der in der Türkei inhaftierten Journalisten hat sich seit dem vergangenen Jahr fast verdoppelt: 95 türkische Journalisten sitzen laut eines Berichts der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und von Reporter ohne Grenzen (ROG) im Gefängnis. Die große Anzahl der inhaftierten Journalisten stelle das Recht auf freie Meinungsäußerung in der Türkei stark in Frage, so die OSZE-Medienbeauftragte Dunja Mijatović.

Verantwortlich für die meisten Verurteilungen sind ein paar falsch ausgelegte Gesetze, und zwar die Artikel 5 und 7 der türkischen Anti-Terror-Gesetze sowie Artikel 314 des türkischen Strafgesetzbuches. Diese Rechtsvorschriften zielen darauf ab, Personen zu bestrafen, die bewusst Propaganda im Namen einer Terroristengruppe erstellen und/oder verteilen, die mit dem Ziel andere Personen zu verletzen einer bewaffneten Organisation beitreten, und die sich gegen den Staat verschwören. Zum Rest des Beitrags »

Darf man das?

Die Kunst des Titelbilds ist die Kunst der maximalen Reduktion. Nur Reduktion führt zu Reaktion.

Im Juli 1977 erschien der Spiegel mit dem berühmtesten Titelbild seiner Geschichte. Es zeigte einen Teller Spaghetti. Auf den Spaghetti lag ein schwarzer Trommelrevolver. Darunter stand: „Urlaubsland Italien“. Die Italiener heulten auf. Es kam zu öffentlichen Protesten. Der Spiegel wurde mit Strafklagen wegen Volksverhetzung eingedeckt. Die italienischen Auslandorganisationen demonstrierten. Politiker bis zu Premierminister Giulio Andreotti gaben ihrer Empörung Ausdruck. Es war aus journalistischer Sicht ein perfektes Titelbild. Das sogenannte Cover, so die Regel der Zeitschriftenbranche, muss das Thema der Story verdichten, einkochen, maximal reduzieren. Mit der maximalen Reduktion auf Spaghetti und Schusswaffe wurde diese Vor­gabe zielgenau erreicht.

Damit sind wir bei der Weltwoche. Auch sie hat das Prinzip der Reduktion umgesetzt und auf dem Cover ein Roma-Kind mit Pistole abgebildet. Auch sie sieht sich nun einem Proteststurm gegenüber, auch hier flankiert von den üblichen Strafklagen. Zum Rest des Beitrags »

Zur Skandaldynamik in der Wirtschaft

Internationale Großbanken und Unternehmen stehen seit einigen Jahren europaweit zunehmend im Fokus der – oftmals skandalisierten – Berichterstattung.

Inwieweit Skandalisierungen in der Wirtschaftsberichterstattung in der Schweiz seit den 1960er Jahren zugenommen haben, hat nun der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich analysiert. Wichtigstes Ergebnis: Die fög-Studie „Zur Skandaldynamik in der Wirtschaft“ zeigt eine kontinuierliche Zunahme der Bedeutung von Wirtschaftsskandalen im Mediendiskurs. Vor allem ab den 1990er Jahren erhalten Skandalisierungen von Wirtschaftsthemen massiv mehr Aufmerksamkeit.

Immer häufiger gehören sie seitdem in der Berichterstattung der vom fög untersuchten Medien Neue Zürcher Zeitung, Tages-Anzeiger und Blick zu den zehn größten Kommunikationsereignissen pro Jahr. Während in den 1980ern vor allem die Pharmabranche mit dem Seveso-Giftgasskandal und dem Brand beim Chemiekonzern Sandoz Negativschlagzeilen machte, dominiert seit 1998 die Berichterstattung über die Finanzindustrie die Liste der Wirtschaftsskandalisierungen, ausgehend vom Kollaps der Lehman Brothers bis zum Versagen der Finanzmärkte. Zum Rest des Beitrags »

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